Monatstexte Archiv

Monatstext für Juni 2024

IMPULS: Mit Worten das Schweigen brechen und doch das Unsagbare zwischen den Zeilen hängen lassen, wie ein Einatmen, der beim Ausatmen die innere Essenz als Omen, Amen oder alles zulassenden Hauch ins nächste Wort legt. Mit Worten wie Wellen den stillen Fluss in uns bewegen, den Lebensstrom. Mit Worten aus Licht & Schatten durch Sommergärten wandern, um das Blühen dort zu belauschen und hervorzuheben. Mit Worten Formen erschaffen, Linien, Unendlichkeiten, die plötzlich in ein Bild steigen, um sich zu dehnen oder zusammen zu ziehen, zu wachsen oder sich nebelhaft zu verschleiern, je nachdem auf welchen Urgrund sie fallen. Mit Worten Spannung erschaffen, im Zusammenspiel von grünem Herz-Atem, Türkislicht, rotem Sturm, blauer Ruhe und weissem Gesang, bis sich Tanz in die Füsse legt und Klang den Bogen spannt vom Anfangswort zum Schlusswort und zurück zum Beginn, um den inneren Kreis zu schliessen und auf geheimnisvolle Weise ins Summen der lebendigen Mitte zu locken. Maryse Bodé /Foto: Garten der Stille

Monatstext für Juni 2024

Wer im Fluss liegt findet zur Quelle. Wer den Baum, das Haus der Lüfte bewohnt, liest in allen vier Winden. Wer den Ruf der Eule hört, ihr in die Augen schaut, sieht wie aus Ur-Seele gewordene Form in unendlichem Werden Raum und Zeit betritt, während du dich zwischen Flüsterquelle und tosende Brandung spannst, um zu wissen wie der Trommelschlag der Erdgöttin klingt. Sie schürt das Feuer unter deinen Füssen, die Kraft deiner Hand, mit der du ihr aus Steinwüste und Waldmoder, aus Schutt & Asche das Gesicht befreist. Auf Ihren Lippen lächelt das wilde Tier, berührt vom Wandelflug des Falters. Maryse Bodé Aus: Steinbruchprojekt mit Kari Joller, Gisikon

Monatstext für Mai 2024

Das Betrachten der Welt: ein schöpferischer Akt. Wir lassen die Blumen tanzen, die Wolken sich küssen, pflanzen Bäume, umarmen sie. Doch kreist der Adler über dem Berg, ist das in Zeichen, ein Aufruf, über den Rand der Welt zu blicken. Wie alles Geheimnisvolle, entschwindet auch er bei unserem Revieranspruch, lässt uns vor leerem Himmel stehen, aus dem sogar die Sterne fallen, weil es nichts zu besitzen gibt, ausser ein Ohr voll Stille, ein Herz voll Rosen, eine Handvoll Licht. Maryse Bodé

Monatstext für April 2024

WORT, du Wildtier der Nacht, fällst ein in Zonen der Stille, stürzest vorbei am Kopfnest herzüber in die Füsse. Du kitzelst Tanz mit Sprache frei. Ich rufe ‘présent’ wenn du mich packst und herumwirbelst im Tangoschritt im Wortfeuer der Liebe, zertanze Verrat und alles was uns den Frühling versengt und das Wort Krieg in den Knospen hat. Maryse Bodé/Bild: Manuel Kleinert, 2000

Ostern 2024

Ostererwachen & Friedenslicht: Etwas hat sich in den hohen Bäumen eingefunden, etwas das mehr ist als das erfrischende Lied der Amsel, mehr als der kecke Ruf des Stars. Es wohnt dem Mond an der sich wölbenden Brust und geht mit einer tiefatmenden Stille einher. Im Traum hat es bereits Gestalt und wiegt das Geheimnis Welt auf neuer Ebene, während uns Blütenschiffe ans Herztor fahren. Maryse Bodé Skulptur: Arthur Schneiter

Monatstext für März 2024

Zuspruch: Ein Morgenfrühknistern in den Himmelsschleiern. Licht fächert sich auf, weckt die Krokusse. Mit Gelb, Lila und jauchzendem Grün schiessen sie uns ins Blickfeld, locken Lauschknospen aus dornigem Gestrüpp. Rosen haben nie aufgehört sich neu zu erfinden, auch die Bäume nicht. Noch atmet in ihnen Himmel und Erde und etwas unsichtbar Liebendes treibt auch uns immer neu Frühlingskraft und Blühendes ins Werden. Streut heilendes Gold über Weltchaos und Schmerz. Und während sich in allem was lebt Hell und Dunkel immer heftiger umarmen, rauscht uns etwas geheimnisvoll Heiliges als Zuspruch in die grossen Fragen. Maryse Bodé

Monatstext für Februar 2024

Bewegt: Ein- und Ausatem, ein Flügelpaar. Fülle und Leere. Ein Strömen hin und her. Auch zu kalter Zeit eingerollt im Atem wie in einem sommerwarmen Ährenfeld und wieder ausgespannt zwischen die Sterne, den Fuss auf Schneepelz gesetzt, das Herz im Puls des Glitzerbaums. So gehen wir zeitlos. Gespannt in die Extreme sind wir in und ausserhalb der Zeit im Spiel, im Tanz der Formen. Geduckt und Sprung. Geduckt und Sprung und Herumwirbeln durch das innere Himmelszelt. Maryse Bodé Foto MB/Installation Pipilotti Rist

Monatstext zum Jahresende 2023

Möge es möglich sein, mit Lichtwort und liebender Geste die innere Mitte zum schwingen zu bringen. Möge das Kreisen um das Geheimnis, das uns durchdringt, auch zu Sturmzeit neue Zonen der Hoffnung in uns anlegen, damit Herzwissen uns auf mutige Wege im Aussen lockt. Möge der Raum in und um uns leuchten. Maryse Bodé Stickbild: Beatrice Vogler, Bildhauerin/ZH

Monatstext Januar 2024

Nachts auf verschneitem Stoppelfeld ein Füchslein mit leuchtenden Augen Ich gehe mit ihm in ein Jahr, das gerade erst eingeläutet, schon in Altge-wohntes zu versinken droht. Sass kurz noch am Wort-Berg der Weltver-netzungsmaschine ‚f‘, machte Schwimmbewegungen, um mich des allzu Vielen zu entledigen. Heute in der Morgenfrüh huschte Schneelicht in den Raum, liess phosphoreszierende Leuchtpunkte tanzen. Kaum wach und auf Empfang wollen bereits wieder 'world news' unter den weissen 'abat-jour' am Bettrand und mir unter die dünn gewordene Winterhaut, wo die Träume der Nacht sich noch wohlig räkeln und sogar aus der Spirale einer stillen Mitte im Aussen Herberge erschaffen. Maryse Bodé

Monatstext für Dezember 2023

Winterzeit: Sei Feuer, wärme. Sei Stern, erhelle. Sei Herzlicht, umarme. Sei Ruf, dass Antwort sein kann. Sei ganz Ohr, dass Flüstern gehört wird. Sei tröstend, wo Schmerz ist. Sei bewegt, dass Tanz sich erfinde. Sei wach, wo Verhärtung droht. Sei Sturm, wo die Welt einengt. Sei Leere, dass Fülle einströmen kann. Vor allem aber sei dir treu, dann darf auch Winter sein, Einkehr, Stille. Maryse Bodé
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